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	"plain_text": "Wirecard: Im Rätsel um Spionage-Software führt die Spur in den\r\nKreml\r\nBy Jan-Philipp Hein\r\nPublished: 2021-11-19 · Archived: 2026-04-05 17:25:48 UTC\r\nEin deutscher Geschäftsmann mit besten Kreml-Kontakten bewirbt eine Software, die angeblich jeden Menschen\r\nin eine Datenwolke verwandeln kann. Auch Ex-Wirecard-Chef Jan Marsalek kennt die Firma. Die ganze\r\nGeschichte aus dem FOCUS Magazin jetzt vorab auf FOCUS Online.\r\nDie Mail von Ende August 2018 war aus mehreren Gründen bemerkenswert. Absender war einer der\r\numtriebigsten politischen Strippenzieher der Republik Österreich. Er heißt Florian Stermann und ist eine\r\nschillernde Figur, die in staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen als „Vertrauensmann“ der damals\r\nmitregierenden FPÖ eingeschätzt wird.\r\nIn jener E-Mail im August wandte sich Stermann, Generalsekretär der Russisch-Österreichischen\r\nFreundschaftsgesellschaft, an einen Mann aus dem Olymp der globalen Finanzindustrie. „Wie besprochen“ erhielt\r\nder „liebe Jan“ eine Firmenpräsentation weitergeleitet.\r\nAngehängt war das PDF einer aufwendig gestalteten 23-seitigen Unternehmensdarstellung. Eine Firma mit dem\r\nsperrigen Namen „DSR Decision Supporting Information Research Forensic GmbH“ (DSIRF) stellte darin ihre\r\nDienste vor. Es ging um Cyberkrieg, von biometrischer Gesichtserkennung und „der Enttarnung fremder\r\nInformationskriegstaktiken“ war die Rede. Letztlich boten die vermeintlichen IT-Cracks ein spezielles Hacking-Tool namens „Subzero“ an. Es handelt sich um Dienstleistungen, die in der EU so gut wie nicht legal zu erbringen\r\nsind.\r\nAlle Elemente eines dystopischen Krimis – und Ex-Wirecard-Chef Jan Marsalek\r\nmittendrin\r\nDer „liebe Jan“ heißt mit vollem Namen Jan Marsalek. Die Angebotspalette von DSIRF passte genau in die\r\nSchattenwelt, die man ihm zuschreibt. Damals stand er dem gehypten Finanzdienstleister Wirecard vor. Heute,\r\ndrei Jahre später, gilt er als einer der meistgesuchten Wirtschaftsverbrecher der Welt. Er soll Mastermind hinter\r\nden Milliardenbetrügereien des untergegangenen Dax-Konzerns sein. Fahnder vermuten den flüchtigen 41-\r\nJährigen nahe Moskau – unter Obhut des russischen Inlandsdienstes FSB. Denn neben seinem Beruf als\r\nFinanzjongleur verstand sich Marsalek als alpenländischer 007-Verschnitt.\r\nJeden Samstag am Kiosk: Das neue FOCUS Magazin\r\nAußerdem im neuen Heft:\r\n+ Ministerkarussell: Wer wird was in der Regierung Scholz\r\nhttps://www.focus.de/politik/vorab-aus-dem-focus-volle-kontrolle-ueber-zielcomputer-das-raetsel-um-die-spionage-app-fuehrt-ueber-wirecard-zu-putin_id_24442733.html\r\nPage 1 of 5\n\n+ Mentale Gesundheit: So bleiben Sie fit im Job\r\n+ Weise Worte: Paul McCartney erklärt den Jahrhundertsong „Let it be“\r\nHier geht es zum aktuellen Magazin\r\nDie Story um DSIRF hat alle Elemente eines dystopischen Krimis: Politisch vernetzte Protagonisten mit\r\nhervorragenden Kontakten nach Moskau interessieren sich für eine Software, die das perfekte\r\nUnterdrückungswerkzeug für autoritäre Herrscher wäre. Und, im kommerziellen Bereich eingesetzt, der Albtraum\r\nfür Daten- und Konsumentenschützer.\r\nEine Welt der Totalüberwachung – und immer wieder Moskau\r\nWie so oft, wenn’s um Marsalek geht, führen auch bei DSIRF viele Spuren nach Osten. Die Firma residiert in\r\nWien. Laut österreichischem Finanzministerium gehört das Unternehmen Peter Dietenberger. Einem Deutschen\r\nmit Wohnsitzen in Österreich und der Schweiz. Der 54-Jährige legt viel Wert auf Diskretion. Eines aber ist sicher:\r\nEr ist Spezialist für West-Ost-Beziehungen. Für europäische Unternehmen, die in Russland Geschäfte machen\r\nwollten, galt er lange als besonders wertvoll, weil seine Freunde und Bekannten zur russischen Nomenklatura\r\ngehören. Sein Visum wies ihn sogar als Gast der Präsidialverwaltung aus.\r\nDie Homepage der 2016 gegründeten DSIRF wirkt professionell zurückhaltend. Ausgewählte potenzielle Kunden\r\nerhalten dazu exklusive Präsentationen – wie die in der Mail an Marsalek. Mit einem „Computer-Überwachungswerkzeug“ auf dem „letzten Stand der Technik“ verspricht DSIRF darin die „volle Kontrolle über\r\nZielcomputer“ und den „kompletten Zugang zu allen Passwörtern“. Regierungen würden damit alle Daten zur\r\nVerfügung stehen, die sie zu lückenloser Überwachung bräuchten. Dreißig hoch qualifizierte Mitarbeiter hätten\r\nzudem Kenntnisse im Bereich Datendiebstahl, Informationskriegstechniken sowie in beeinflussendem politischem\r\nCampaigning.\r\nIn einem sechsminütigen Video mit dem Titel „Biometric Recognition“ präsentiert DSIRF eine Welt der\r\nTotalüberwachung. Bahnhöfe, Flughäfen, Kaufhäuser und Einkaufszentren werden darin als Einsatzgebiete von\r\nÜberwachungskameras gezeigt – mit der Besonderheit, dass alle an ein „DSIRF-Datencenter“ angeschlossen sind,\r\nin dem biometrische Informationen mit Daten aus sozialen Netzwerken, Vorstrafen, Konsumgewohnheiten und\r\nBezahlinformationen kombiniert und laufend angereichert werden. Diese „Biometric Recognition“-Software\r\nkönne laut Firmenvideo das Gesicht einer jeden Zielperson auf über 2000 unterschiedliche Datenpunkte scannen:\r\nEs wird die Distanz zwischen den Augen gemessen. Die Hautbeschaffenheit von der Farbschattierung bis zur\r\nStruktur der Poren analysiert. Jede Person wird eindeutig identifizierbar.\r\nDazu könne das „DSIRF-Data-Center“ in Echtzeit alle ID-Daten liefern: Name, Geburtstag, Anschrift. Das\r\nSystem arbeitet so intelligent, dass es in Gebäuden zwischen verschiedenen Gruppen selektieren könne: Der Mann\r\nim Anzug arbeitet hier, die Dame im Rolli ist Kundin.\r\nKlingt nach Hollywood-Science-Fiction – könnte aber Wirklichkeit werden\r\nAb Minute drei des Werbevideos geht es dann längst nicht mehr um den Schutz vor Anschlägen oder die legitime\r\nEntlarvung von Ladendieben. Da dreht sich alles ums Geschäft. Eine Kundin schlendert durch die\r\nhttps://www.focus.de/politik/vorab-aus-dem-focus-volle-kontrolle-ueber-zielcomputer-das-raetsel-um-die-spionage-app-fuehrt-ueber-wirecard-zu-putin_id_24442733.html\r\nPage 2 of 5\n\nKosmetikabteilung. Mit dem prüfenden Griff zur Wimperntusche beginnt es. Unaufhaltsam.\r\nDie Konsumentin wird röntgenähnlich durchleuchtet: von Name, Adresse, Größe, Geburtsdatum, Social-Media-Aktivitäten, WhatsApp-Konversationen bis hin zu einem Kauf- und Bewegungsprofil der letzten Shoppingtouren.\r\nSo erfährt der Verkäufer schnell, dass die Dame auf bunte Stilettos steht, und kann sie ihr direkt anbieten.\r\nKlingt nach Hollywood-Science-Fiction. Könnte aber Wirklichkeit werden. Natürlich nur im Einklang mit der\r\n„nationalen Gesetzgebung“, die im Video beiläufig erwähnt wird.\r\nDigitalexperten haben sich für FOCUS mit DSIRF beschäftigt und halten die Angebote der Firma für realistisch.\r\nUnd im politischen Kontext der Moskau-Connection beängstigend.\r\nMatthias Marx, Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC), meint: „Solche Angebote richten sich häufig an\r\nstaatliche Akteure. Vergleichbare Programme wie die von DSIRF werden genutzt, um Journalisten,\r\nMenschenrechtsaktivistinnen und Oppositionelle zu überwachen.“\r\nDamit spielt er auf Pegasus an. Die Spyware einer israelischen Firma dient nach Überzeugung der US-Regierung\r\nDiktaturen zur böswilligen Überwachung politischer Widersacher. Als sicher gilt, dass damit schon Tausende\r\nPolitiker weltweit ausgespäht wurden, unter anderem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Auch bei der\r\nErmordung des arabischen Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul durch\r\nGeheimdienstmitarbeiter spielte Pegasus als Überwachungstool eine Rolle.\r\nDSIRF: Dienstleister für Strafverfolger oder gar Geheimdienste?\r\nDSIRF bemüht sich nicht um Transparenz. Dietenberger selbst beantwortet überhaupt keine Fragen, und sein\r\nFirmengeschäftsführer Drazen Mokic geht nur auf das ein, was eh schon bekannt ist. Die Präsentation, so Mokic,\r\nsei „vertraulich“ und „diente ausschließlich zur Vorlage bei Behörden und potenziellen Investoren“. DSIRF als\r\nDienstleister für Strafverfolger oder gar Geheimdienste? Auf Nachfrage kann Mokic keine einzige Behörde\r\nnennen, die eine Zusammenarbeit mit DSIRF bestätigt. Das österreichische Innen- und das Justizministerium\r\nschließen jedenfalls aus, dass man selbst oder Geheimdienst, Polizei und die Justiz je mit DSIRF\r\nzusammengearbeitet hätten.\r\nJeden Samstag am Kiosk: Das neue FOCUS Magazin\r\nAußerdem im neuen Heft:\r\n+ Ministerkarussell: Wer wird was in der Regierung Scholz\r\n+ Mentale Gesundheit: So bleiben Sie fit im Job\r\n+ Weise Worte: Paul McCartney erklärt den Jahrhundertsong „Let it be“\r\nHier geht es zum aktuellen Magazin\r\nMokic hat noch ein Problem: Angeblich kennt er weder den Russlandlobbyisten Stermann noch den flüchtigen\r\nWirecard-Vorstand Marsalek, was bedeutet, dass seine diskrete Sicherheitsfirma undicht ist. Denn die PDF-Datei\r\nhttps://www.focus.de/politik/vorab-aus-dem-focus-volle-kontrolle-ueber-zielcomputer-das-raetsel-um-die-spionage-app-fuehrt-ueber-wirecard-zu-putin_id_24442733.html\r\nPage 3 of 5\n\nbrauchte nur knapp zwei Tage von ihrer Fertigstellung bis in Marsaleks Mailfach. Ein Anwalt der DSIRF erweckt\r\nden Eindruck, sie sei gestohlen worden, man werde „mit aller gebotenen Schärfe die notwendigen juristischen\r\nKonsequenzen ziehen“. Nun wüsste man gern von Stermann, ob er bereits Ärger mit Dietenberger und Mokic hat.\r\nAber auch er beantwortet keine Fragen.\r\nTüröffner westlicher Firmen in Putins Reich\r\nSollte Dietenberger, der Mann mit besten Verbindungen im Kreml, tatsächlich gezielt Hackerangriffe im Westen\r\norchestrieren und Zugriff auf umfangreiche Datensätze über Millionen Passanten von Videokameras nehmen\r\nkönnen, wäre dies ein enormes Sicherheitsrisiko. Deshalb sieht Russlandexperte Gustav Gressel vom European\r\nCouncil on Foreign Relations dringenden Handlungsbedarf. „Es muss geklärt werden, was diese Firma genau\r\nmacht. Fälle von IT-Unternehmen, die im Interesse fremder Mächte Spionagesoftware einsetzen, sind immer\r\nwieder bekannt geworden.“\r\nInternet von o2: DSL, Kabel, LTE oder 5G (Anzeige)\r\nDie geheime Präsentation beinhaltet eine Art Kunden- bzw. Referenzliste. Auch dabei führen alle Spuren nach\r\nMoskau. Der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft gehört dazu. Ebenso das\r\nUnternehmen eines russischen Oligarchen, gegen den die USA Sanktionen verhängt haben und gegen den das FBI\r\nermittelt. Eine ziemlich illustre Gesellschaft versammelt die DSIRF. Dietenbergers Vorleben als Türöffner\r\nwestlicher Firmen in Putins Reich dürfte dabei der Schlüssel sein. So taucht in dem Präsentationsvideo auf der\r\nFirmenwebsite auch Rewe auf. Als Konzernrepräsentant unterstützte Dietenberger den Lebensmittelhändler vor\r\nrund 15 Jahren in Moskau mit seinem Adressbuch.\r\nDer damalige Rewe-Manager, mit dem Dietenberger an der Expansion arbeitete, wird auch als DSIRF-Referenz\r\nerwähnt und war bis vor gut einem Jahr Manager der Unternehmensgruppe Signa des Tiroler Immobilienmoguls\r\nRené Benko. Zu Signa gehören unter anderem die Reste von Karstadt, Kaufhof und das KaDeWe in Berlin. Die\r\nHolding bestätigt ein Auftragsverhältnis mit DSIRF. Angeblich sei die Firma vom eigenen Wirtschaftsprüfer vor\r\nrund fünf Jahren bei einem „Cyber-Security-Check bei Karstadt“ als Subauftragnehmerin mitgebracht worden.\r\nAnschließend habe man eine weitere Zusammenarbeit vereinbart.\r\nWas für ein Zufall: Das Signa-Management und Dietenberger kannten sich lange, und dann bringt der\r\nWirtschaftsprüfer – nach FOCUS-Informationen KPMG – ausgerechnet dessen zu dem Zeitpunkt wenige Monate\r\nalte Firma mit? Das klingt nicht sehr plausibel, aber auch KPMG äußert sich dazu nicht.\r\n„Weiterer Mosaikstein“ im diffusen Bild von Marsalek\r\nDie Politik sieht die DSIRF mit Sorge. Viola von Cramon, grüne Osteuropa-Expertin im Europaparlament: „Es ist\r\neine ernste Bedrohung, wenn ein Unternehmen mit diesem Hintergrund und solchen Verbindungen zur russischen\r\nStaatsspitze in der EU derartige Dienste anbietet. Das muss gestoppt werden.“ Auch die Verbindung zu Jan\r\nMarsalek bedürfe einer genauen Untersuchung. Für Stephanie Krisper, die für die liberale Partei Neos im\r\nösterreichischen Nationalrat sitzt, fügt der Fall dem diffusen Bild von Marsalek einen „weiteren Mosaikstein“\r\nhinzu. Sie kündigt parlamentarische Anfragen an die Regierung an. Denn: „Auch der Schutz des einzelnen\r\nBürgers muss garantiert werden.“\r\nhttps://www.focus.de/politik/vorab-aus-dem-focus-volle-kontrolle-ueber-zielcomputer-das-raetsel-um-die-spionage-app-fuehrt-ueber-wirecard-zu-putin_id_24442733.html\r\nPage 4 of 5\n\nUnterdessen sorgt sich die Firma DSIRF um ihren eigenen Schutz. Sollte eine rechtswidrige Berichterstattung\r\nerfolgen, drohen Anwälte die Prüfung presserechtlicher Ansprüche an.\r\nPrivates gibt es nicht mehr. Staat und Unternehmen wissen alles.\r\nSource: https://www.focus.de/politik/vorab-aus-dem-focus-volle-kontrolle-ueber-zielcomputer-das-raetsel-um-die-spionage-app-fuehrt-ueber-wirecard-zu-putin_id_24442733.html\r\nhttps://www.focus.de/politik/vorab-aus-dem-focus-volle-kontrolle-ueber-zielcomputer-das-raetsel-um-die-spionage-app-fuehrt-ueber-wirecard-zu-putin_id_24442733.html\r\nPage 5 of 5",
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